von Nirvana Jones
Einführung in den radikalen Konstruktivismus
3.1 Das
epistemologische Problem
4.0 Der Standpunkt des radikalen Konstruktivismus
4.1 Wissen,
Existenz und Wirklichkeit
4.4 Wirklichkeit
- Jean Piaget
4.4 Erkenntnis
von Wirklichkeit als Ergebnis kognitiver Prozesse
5.0 Leitsätze des radikalen Konstruktivismus
Einführung in den radikalen Konstruktivismus
Wird Erkenntnistheorie zum Ausgangspunkt und zum Gegenstand einer Betrachtung, auf die sich die Argumentation stützt, so darf eine Rückerinnerung auf die epistemologischen Grundlagen der Theoriebildung nicht fehlen. Die Geschichte der konstruktivistischen Bewegung von ihren Ausgängen in der Sophistik und Skeptikertraditionen über die Malerei des 20. Jahrhunderts bis in die neuere Wissenschaftstheorie aufzuzeigen, würde nicht nur die Intention, sondern auch den Rahmen der vorliegenden Ausführungen sprengen.
Im Folgenden habe ich mich auf die Punkte der Theoriebildung beschränkt, die für eine Darstellung des radikalen Konstruktivismus im Sinne Ernst v. Glasersfeld meines Erachtens nötig sind.
In dem Wort Konstruktivismus ist das Wort Konstrukt enthalten, was im Sinne von gedanklich konstruiertes Gebilde und hypothetischer, abstrakter Entwurf interpretiert wird. In Bezug auf Maschinen werden Pläne und Zeichnungen entworfen, Einheiten und/oder Teile gebaut bzw. zusammengesetzt mit dem Ziel Neues zu erstellen. In der Semantik und Linguistik bezeichnet man mit dem Konstrukt den Aufbau eines Satzes, der nach den Regeln der Syntax zusammengesetzt ist.
Mit dem Begriff Konstrukt im allgemeinen-wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird eine Arbeitshypothese bezeichnet. Diese ist ein Hilfsmittel, durch das Erscheinungen beschrieben werden können, die nicht konkret zu erfassen, sondern lediglich aus anderen beobachtbaren Fakten abzuleiten sind. Eine Konstruktion im philosophischen Sinne ist ein Entwurf eines Gedankensystems, aus dem sich die erkannten Gegebenheiten ableiten lassen oder das die Fülle des Gegebenen ordnen soll.
Der Konstruktivismus als Werkzeug der Erkenntnistheorie, "(...) ist eine Art des Nachdenkens über Wissen - Wissen als Handeln und auch als Ergebnis". (Glasersfeld 1992 a, S.20)
Silvio Ceccato stellte in Bezug über Aussagen zur Erkenntnis fest, "(...) am Anfang der Erkenntnis steht die Wahrheitsfrage. Ihre Einführung macht das menschliche Erkennen zu einem Wissensproblem".[NJ1] (Ceccato, Silvio 1985)
Die Geschichte der Erkenntnissuche, also die Frage nachdem was unter `Wissen´ zu verstehen ist, zeigt, wenn Wissen zum Thema wird, dass "(...) das epistemologische Problem ‑ wie wir Kenntnis von der Wirklichkeit erlangen und ob diese Kenntnis auch verläßlich und `wahr´ ist" (Glasersfeld 1994 a, S.18[NJ2]) an Aktualität nichts verloren hat. Es beschäftigt heutige Philosophen[1] nicht weniger als es Platon beschäftigte.
In der Regel führen Diskussionen über das, was Wissen ist, immer in die Problematik der Wahrnehmung und damit zu der Unzuverlässigkeit unserer Wahrnehmungsorgane[2].
So wies schon Sokrates in seiner Unterredung mit Theaitetos darauf hin. Er führte darin zum Bedingungszusammenhang des Wahrnehmenden aus:
"Notwendig also muß sowohl ich, wenn ich Wahrnehmender werde, es von etwas werden, denn ein Wahrnehmender zwar, aber ein nichts Wahrnehmender zu werden, das ist unmöglich..."(Platon, Theaitetos 160b)[NJ3].
Wird von einer elementaren Anordnung für den Erkenntnisprozess ausgegangen, haben wir in Folge dieser Anordnung eine grundlegende Beschreibung des Wahrnehmungsprozesses angenommen.
Die Beschreibung basiert auf einem wahrnehmbaren `Etwas´.
In den Worten von Ernst von Glasersfeld bedeutet dieses Etwas, "(...),daß der Wahrnehmende durch seine Sinnesorgane, die eine vermittelnde Funktion ausüben, ein Perzept erwirbt, das in gewisser Weise durch ein außerhalb befindliches Objekt verursacht wird.[NJ4]" (Glasersfeld 1992 a, S.123)
Diese Elemente, die gegeben sein müssen, um wahrgenommen werden zu können, implizieren die Frage, ob dieses `Etwas´ der Wahrnehmungen dem Anspruch einer wahren, absoluten und unabhängigen ontischen Wirklichkeit entspricht.
Aus dieser Konstellation (`Etwas´-Frage) baute sich die Suche nach dem, was wahre Wirklichkeit, beziehungsweise wahres Wissen ist, auf.
Für die klassischen Modelle der Betrachtung galt, dass die Produkte der Wahrnehmung Abbilder[3] (wenn auch ungenaue) dessen sind, was `wirklich´ vorhanden ist. Durch genügende Überprüfung des Wahrgenommenen würde man sich der objektiven Wirklichkeit nähern können, um letztendlich über Wissen zu verfügen, das den Bedingungen des `Wahren´ entspreche.
Die Geschichte der Philosophie zeigt, dass sich die Erkenntnissuchenden vorrangig mit dem Problem der Überprüfung von dem, was `Wirklich´ ist, auseinandersetzten. Die Frage, was sie mit dem Begriff der Wahrheit intendierten, ließen sie unberücksichtigt.
Über ihre Interpretation dessen, was `wahr´ ist, waren sie sich bis auf wenige Ausnahmen[4] einig.
"Wahres Wissen ist, wenn es mit einer als absolut unabhängig konzipierten, `objektiven´ Wirklichkeit übereinstimmt." (Glasersfeld 1994a, S.18)
Der idealistische Glaube an die objektiv beschreibbare existierende Welt, von der man Abbilder erhält, ist der implizierte Gedanke der dargelegten Auffassung des Wahrheitsbegriffs.
In Platons "Staat" wird dieser Glaube durch den Glauben an die Idee des Guten zum Ausdruck gebracht. "Jene Kraft also, die den Objekten des Denkens die Wahrheit und den erkennenden Subjekten die Kraft des Erkennens gibt, bestimme als die Idee des Guten." (Platon, Der Staat 508c - 509a)
Die Wahrheit wird somit zu einer Glaubensfrage an die Existenz der Welt - als Idee.
Daran änderte auch Immanuel Kant (1724-1804) nichts, als er es für notwendig erachtete, in seiner zweiten Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" einen Abschnitt mit dem Titel "Widerlegung des Idealismus" einzufügen, der den Lehrsatz beinhaltet: "Das bloße, aber empirisch bestimmte, Bewußtsein meines eigenen Daseins beweist das Dasein der Gegenstände im Raum außer mir." (Kant 1983, S.276)
Die Gründe, die ihn bewegten, einen Einschub zur zweiten Auflage hinzuzufügen, verdeutlicht er in der Vorrede. Dort heißt es: "(...) so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von denen wir doch den ganzen Stoff zu Erkenntnis selbst für unsere inneren Sinne her haben) bloß auf Glauben annehmen zu müssen, und, wenn es jemand einfällt, es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen zu können." (Kant, S. 38.)[NJ5]
Der Skandal der Philosophie, von dem Kant schreibt, ist durch den Skeptizismus geschürt. Nach Auffassung der Skeptiker (und Emperisten [Locke]) existiert keine äußere beweiskräftige Realität, außer der, die ich mir selbst schaffe. Diese wiederum basiert auf Glauben - und sei es nur auf der Basis des eigenen Denkens.
Kant sah es als nötig an, einen Beweis der Existenz der Außenwelt zu erbringen. Er führt dies in dem oben zitierten Werk aus, um den Skandal der Philosophie zu verhindern.
Diesen Sachverhalt (den der äußeren Existenz) faßte der amerikanische Wissenschaftsphilosoph Hilary Putnam wie folgt zusammen:
"Von den Vorsokratikern bis Kant gab es keinen Philosophen, der in seinen elementaren, nicht weiter reduzierbaren Grundsätzen nicht ein metaphysischer Realist gewesen wäre (...). Ein metaphysischer Realist ist also jeder, der darauf besteht, daß wir etwas nur dann `Wahrheit´ nennen dürfen, wenn es mit einer als absolut unabhängig konzipierten, `objektiven´ Wirklichkeit übereinstimmt." (Putnam in: Glasersfeld 1994a)[5][NJ6]
Daher eine Wahrheit, die mit einer objektiven, subjektfreien existierenden `wahren´ Wirklichkeit übereinstimmt. In der Annahme eines `Objektes außerhalb´, zu dem wir nur über die unsicheren Informationen, die die Wahrnehmungsorgane liefern, Zugang finden und der Unmöglichkeit einer `objektiven´, allgemeingültigen, unabhängigen Verifikation der Perzepte unserer Wahrnehmung, haben wir das epistemologische Problem - die Frage nach der `absoluten´ Wahrheit von erkannter Wirklichkeit - (nach) konstruiert.
Der radikale Konstruktivismus zieht aus dieser Tatsache die folgende Konsequenz: "(...) da wir zu diesem Objekt `draußen´ keinen Zugang haben außer durch den Prozeß der Wahrnehmung, werden wir nie imstande sein festzustellen, ob unsere Perzepte genaue oder wahrhaftige Abbildungen jenes Objektes sind oder nicht.[NJ7]" (Glasersfeld 1992a, S.123)
Er fragt, im Gegensatz zu den klassischen Modellen der Epistemologie, nicht nach der Einheit in der Differenz von Erkenntnis und Realzustand, sondern er versucht aus dem Paradigma der (kantschen) Subjekttheorie auszusteigen.
Der klassischen Erkenntnislehre sowie der kognitiven Psychologie, die von der traditionellen Auffassung einer ikonenhaften Übereinstimmung (Abbild) oder einer Korrespondenz von Wissen und Wirklichkeit ausgeht, stellt sich der Konstruktivismus nach E.v. Glasersfeld entgegen.
Es ist irrelevant für Fragestellungen, die nach dem Wie von Erkenntnis, Kognition oder Bewusstwerdung fragen, ob es eine unabhängige Außenwelt gibt.
Er beschreibt in seinem Modell, daß unser Erkennen und Wissen eine Anpassungsleistung im funktionalen Sinne darstellt.
Der radikale Konstruktivismus löst sich von der Frage nach der objektiven Wahrheit, Erkenntnis und Wissen und distanziert sich von der klassischen Auffassung, "daß Wissen nur dann Wissen ist, wenn es die Welt erkennt wie sie ist." (Glasersfeld 1992, S.18)[NJ8]
Die in der klassischen Philosophie gestellte erkenntnistheoretische Frage lautet aus radikal konstruktivistischer Perspektive nicht mehr: Was ist Erkenntnis?, sondern: Wie erwerben wir Wissen? (S.J. Schmidt 1986)[6]
Die Radikalität liegt in der unterschiedlichen Bewertung des Verhältnisses von Wissen und Wirklichkeit. Der radikale Konstruktivismus stellt nicht mehr die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des wahrgenommenen `Etwas´, sondern fragt, was der Wahrnehmende mit diesem Wissen beziehungsweise dieser Erkenntnis für Möglichkeiten des Verhaltens schafft.
Ernst v. Glasersfelds konstruktivistische Denkweise ist keine neue Erfindung, sondern sie ist das Ergebnis, die Gedanken anderer Denker wie Gambatista Vico, Georg Berkeley und Jean Piaget im Prozeß der Assimilation zu koordinieren. In diesem Prozess nimmt Jean Piagets Begriff des Konstruierens eine zentrale Rolle ein.
"In meinen Bemühungen, Piagets Gedanken in einem kohärenten, widerspruchsfreien Modell dessen zu assimilieren, was ich unsere rationale Seite nennen würde, bin ich nach Meinung einiger namhafter Piagetianer über das hinausgegangen, was Piaget mit seinem Ausdruck von `Konstruktivismus´ intendiert habe. Das ist einer der Gründe, warum ich mich zu einem gewissen Zeitpunkt entschlossen habe, meine eigene Denkweise als `Radikalen Konstruktivismus´ zu bezeichnen." (Glasersfeld 1992b, S.20)[NJ9]
Der Neapolitaner Gambatista Vico[NJ10] (1668-1744) und sein wissenschaftlicher Kollege aus Dublin, Georg Berkeley[NJ11] (1685-1753), die unabhängig von einander eine `neue´ Erkenntnistheorie im Jahre 1710 vorstellten, bilden die philosophische Grundlage des Theoriekonstruktes.
Eine weitere Basis bildet die Arbeit des schon angeführte Schweizers Jean Piaget (1896-1980), der durch seine innovativen Arbeiten in der Psychologie `neue´ Akzente in der Entwicklungstheorie setzte.
In Vicos Geistesphilosophie geht es um die Verknüpfung von Sinnlichkeit und Denken. Er verknüpft in seinen Werken vortheoretische Anschauungen und verstandesmäßige Erkenntnis miteinander.
Vicos theoretischer Ausgangspunkt steht im Gegensatz zu Descartes "Cogito ergo sum" (Ich denke, also bin ich).
Descartes (1641) Grundannahme ist, "(...) daß alles, was ich sehe, falsch ist, ich glaube, daß nichts jemals existiert hat, was das trügerische Gedächtnis mir darstellt: ich habe überhaupt keine Sinne; Körper, Gestalt, Ausdehnung, Bewegung und Orte sind nicht als Chimären.(...) Das Denken ist´s, es allein kann von mir nicht getrennt werden. Ich bin, ich existiere, das ist gewiß. Wie lange aber? Nun, solange ich denke. (...) wenn ich ganz aufhörte zu denken, alsbald auch aufhörte zu sein." (Descartes 1993, S.21-23)[COMMENT12]
Interpretiert man Descartes, so kommt man zu dem Schluss, dass das Erkennen nicht auf Wissen beruht, sondern auf dem Glauben zu denken, dass man sei. Ich glaube, dass ich denke, - dass ich bin.[7]
Für Vico ist nicht das Cogito (ich denke) sondern die sinnlichen Erfahrungen der Schlüssel zum Denken. "Der Mensch macht sinnliche Wahrnehmungen, er urteilt über sie, und er tritt in die rationale Überlegung ein." (Vico (LM), S.128/129)[COMMENT13] Die Erfahrung, Urteil und Rationalität liefert keine Gewißheit[8]. Erst durch das Ingenium, als die leitende Kraft des Geistes, die den "(...) Menschen befähigt, Ähnliches hervorzubringen und in seiner Ähnlichkeit zu bewerten..." (Vico,(LM) S.134/135)[COMMENT14], stellt sich Gewissheit ein.
Die Methode, mit der das Ingenium die sinnlichen Erfahrungen in Vicos Konstruktion leitet, ist die `Findungskunst´ oder Topik[9].[COMMENT15]
Vicos Konzept der Topik beinhaltet den Prozeß des Urteils, welches durch kritische Auseinandersetzung mit den topisch erhebbaren Daten, als Methode, Erfahrung in Wissen zu transformieren, benutzt wird.
Um Wissen über einen Sachverhalt zu erhalten werden die Urteile durch die Ratio geordnet.
In dieser Form werden alle zur Erkenntnis beitragenden Operanten, - die sinnlichen Erfahrung, die Methode der Ähnlichkeitsfindung (Urteil) und die intellektuell folgernde Tätigkeit des Geistes - auf der Basis einer integrierenden, geometrischen Methode der Kongruenz oder Entsprechung, als die Theorie von der Einheit des Wissen konstruiert.
Die Identität der Einheit des Wissens findet sich für Vico in Gott. "Denn in Gott herrscht absolute Identität, Identität des Wissens und Erzeugens; der menschliche Geist begreift seine Abständigkeit von Gott, indem er Kongruenz oder Zusammenmaß erkennt und macht..." (Otto 1989, S.53)
Die Kunst des Finden ist der zentrale Punkt in Vicos Überlegungen. Die Topik und die kritische Analyse zusammen suchen, als wissenschaftliches Werkzeug, das Wahre zu finden.
Vico steht damit dem deduktiv-analytischen Wissenschaftsverständnis des Kartesianismus entgegen.
Der Satz `Cogito ergo sum´ bestimmt nach kartesianischer Auffassung das absolute Wahre, während Vicos Wahrheitssuche bei einem "alles gesehen haben" beginnt und nicht erst im Denken. "(...) die Findung geht jeglichem Urteil, die Topica der critica naturgemäß voraus" (Vico, (STR))[COMMENT16].
Diese Aussage beinhaltet einen bedeutenden Wandel in der Herangehensweise und Betrachtung der Welt.
Aus der Position eines Empfängers von Information, einer vor der Wahrnehmung existenten Welt, verschiebt sich das Verständnis von Welt zu einem aktiven, produktiven Prozess der Kognition des erkennenden Subjekts, als Produzent von Wissen auf der Grundlage von Wahrnehmung.
Die stark verkürzte Darstellung von Vicos Metaphysik ist der Ausgangspunkt, welcher zu der bekannten Aussage Vicos, auf die Ernst v. Glaserfeld rekurriert, führt. "Deus naturae artifax, homo artificiorum Deus - (Gott ist der Konstrukteur der Natur, der Mensch ist der Gott der Konstrukte)" (Vico in: Glasersfeld 1992b, S. 22)[COMMENT17].
Durch diese Verschiebung vom passiven Empfänger zum Produzenten von Wissen und Erkenntnis, wird auch das wissenschaftliche Weltbild vom Entdecker der objektiven Wahrheit zu einem Produzenten von Wissen verschoben. Dieser Produzent (Wissenschaftler) kann nicht mehr auf eine ontische, absolut unabhängige Wirklichkeit verweisen, die es zu beweisen gilt.
Durch diese Sichtweise bekommt das wissenschaftliche Tätigsein einen `neuen´ Aspekt "nämlich als das Unternehmen, Dinge zueinander in anmutige Beziehungen zu setzen" (Glasersfeld 1992b, S. 23)[10].
Berkeleys (1710) Begriff der Existenz, "(..) daß weder unsere Gedanken noch unsere Gefühle noch unsere Einbildungsvorstellungen außerhalb des Geistes existieren, (...), daß die verschiedenen Sinnesempfindungen oder den Sinnen eingeprägten Ideen, wie auch immer sie miteinander vermischt oder verbunden sein mögen (d.h. was für Objekte auch immer sie bilden mögen), nicht anders existieren können als in einem Geist, der sie perzipiert." (Berkeley 1979, §3) ,ist ein zweiter Baustein für die konstruktivistische Betrachtung von Wissen und Wirklichkeit.
Philosophische Kommentatoren sahen darin "die dogmatische Voraussetzung eines konsequenten Bewußtseinsidealismus(...)" ([COMMENT18]Klemmt 1979, S.123).
Was als dogmatische Voraussetzung eines konsequenten Bewusstseinsidealismus bezeichnet wird, ist nach konstruktivistischer Auffassung eine neue Definition des Begriffs der Existenz auf der Basis von Erfahrung.
Berkeley verschiebt, wie auch Vico, das Subjekt von der passiven Empfängerrolle in die aktive Rolle des Produzenten von Wissen.
Auf der Grundlage der individuellen Erfahrungen perzipiert der Wahrnehmende die Objekte seiner Umwelt. Das schließt nicht aus, dass Menschen mit passenden Rezeptoren zu passenden Ergebnissen kommen. Das Ergebnis gibt aber keinen Aufschluss über die Existenz einer wirklichen, das heißt objektiven Wirklichkeit, außerhalb unserer Wahrnehmung.
"Sage ich: der Tisch, an dem ich schreibe, existiert, so heißt das: ich sehe und fühle ihn; wäre ich außerhalb meiner Studierstube, so könnte ich seine Existenz in dem Sinne aussagen, daß ich, wenn ich in meiner Studierstube wäre, ihn perzipieren könnte (...)" (Berkeley 1979,§3).
Die Schwierigkeit, die sich bei einer an objektiven und nicht an konstruktivistischen Wertmaßstäben orientierten Berkeley-Interpretation ergibt, wird deutlich bei der Betrachtung von Klemmts Anmerkung/Kommentar zu Berkeleys dritten Paragraphen.
"Im übrigen ist es nachweislich falsch, daß wir stets nur unsere eigenen Wahrnehmungen (sensations) wahrnehmen (perceive) (...). Demgegenüber ist festzustellen, daß wir primär nicht unsere Wahrnehmungen, sondern deren Objekte wahrnehmen (intentio recta), unsere Wahrnehmungen dagegen - als Objekte - erst in einer sekundären auf uns selber zurückgewendeten Wahrnehmung oder Reflexion (intentio obliqua)." (Klemmt 1979, S.124)
Wessen Wahrnehmungen werden wir gewahr, wenn wir etwas wahrnehmen, wenn nicht der eigenen, denn wie sollten wir sonst behaupten können, dass es unsere bewussten Wahrnehmungen sind ?
Wir selbst "müssen alle diese Elemente (der Erfahrung, Anmerk. d. Autors), die wir als mehr oder minder beständig auffassen, irgendwann einmal im Feld unserer Erfahrung isoliert und individuiert" (Glasersfeld 1992a, S.125)[COMMENT19] haben.
Als Folge der Differenzierung zwischen dem Feld der Erfahrung und der individuellen Erfahrung durch den Akt des Herausschneiden wurde der Rest unseres Erfahrungsfeldes zur Umwelt.
"In meinem Denken ist ein Ding dieser Welt so gut wie jedes andere (...) - weil es im Denken und in der Erfahrung keine Dinge gibt, sondern nur Mitteilungen und ähnliches." (Bateson 1992, S.329)
Die Aussagen von Vico und Berkeley fokussieren sich auf einen gemeinsamen Punkt - in der Relativierung des Objektivitätsbegriffs.
Vicos Intention ist es, ein neues Konzept für Wissen auf der Grundlage der menschlichen Erkenntnisbefähigung (Erfahrung) zu etablieren.
Berkeley liefert eine neue Definition für das, was mit dem Begriff Existenz, unter Berücksichtigung der individuellen Erfahrung, als existierend zu gelten hat.
In beiden Überlegungen steht das Subjekt nicht mehr in der Empfängerrolle einer Wirklichkeit, sondern ist Produzent seiner Wirklichkeit auf der Basis der Ausbildung von Relationen zwischen Erfahrungsfeld und individueller Erfahrung.
Deutlicher wird der Prozess, wie sich aus Relationen Wirklichkeit(en) entwickeln und ausbilden, bei der Betrachtung von Piagets Werk, in dem die Epigenese eine zentrale Rolle einnimmt.
Piagets ontogenetisch-strukturalistische Erkenntnistheorie verbindet die Inhalte der philosophischen Überlegungen Vicos und Berkeleys, die aus der ablehnenden Haltung dem Skeptizismus (Decartes) gegenüber entstanden sind - auf der Basis biologischer Grundlagen.
Piaget wird als "experimenteller Erkenntnistheoretiker" (Miller 1983) bezeichnet. Er forschte auf der Basis naturwissenschaftlich orientierten Experimentierens, im Gegensatz zu Vico und Berkeley, die ihre Theorien `am Schreibtisch´ entwickelten.
Der ontogenetische Theorieansatz geht davon aus, dass der Mensch seine Erkenntnisse und Sichtweisen nicht von der Wirklichkeit übernimmt. Er unterstellt, daß diese Apperzeptionen an ihn herangetragen und nicht aus einer evolutionären Genese[11] mitgebracht werden.
Piagets Strategie der Theoriebildung verband von Anfang an strukturelle und funktionale Analyse miteinander, was durch seine Vorgehensweise deutlich wird.[12]
Er zeigte die ontogenetische Entstehungs- und Veränderungsgeschichte der kognitiven Konstruktionen, ihre Bedingungen, Prozesse und Gesetze auf (Strukturen). Diese sind dadurch charakterisiert, dass er von einem adaptiven Charakter der Konstruktionen ausgeht und diese Adaptivität zu erklären sucht. (Vgl. Seiler 1994)[COMMENT20]
Als Naturwissenschaftler unterstellte er einen kausalen Zusammenhang zwischen kognitiven Kompetenzen und biologischen Merkmalen (z.B. Reifung). Parallel dazu vertrat er die Überzeugung, dass das kognitive Wachstum in direktem Zusammenhang mit der aktiven Erfahrung der Umwelt korrespondiert.
Mit anderen Worten, er legte seinen Schwerpunkt auf die Interaktionen zwischen Organismus und Lebensraum.
"Das
allgemeine Modell der Äquilibration zeigt die Interaktion zwischen
Beobachtbarem und Koordination, d.h. das Zusammenwirken von empirischen und
reflexiven Abstraktionen auf allen Ebenen." (Piaget 1991a, S.14)[COMMENT21]
Die Arbeiten von Piaget zur Entwicklungstheorie beinhalteten "Seine einfache, aber revolutionäre Behauptung (...), daß Wissen kein Zustand, sondern ein Prozeß ist." (Miller 1983, S.51), also ein Prozess der Konstruktion von Wirklichkeit.
Piaget
schreibt in seiner Einleitung zu `Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde´: "Es
ist ja keine einzige zeitlich-räumliche Struktur mit objektivem und kausalem
Charakter möglich, ohne eine logisch-mathematische Deduktion, denn diese beiden
Wirklichkeitsarten bilden einander sich entsprechende Ganzheits- und
Beziehungssysteme. (...) Sie setzen die logische Implikation voraus, obwohl
sich auch eben so viele Akkommodationen an die äußere Wirklichkeit darstellen.
(...) Die Frage wie diese Funktionen die wesentlichen Kategorien des Geistes
charakterisieren, sich ihre eigenen Organe heranbilden und sich zu Strukturen
kristallisieren, braucht nicht in dieser Einleitung beantwortet zu werden, da
ja das ganze vorliegende Werk der Analyse der Anfänge dieser Konstruktion
gewidmet ist." (Piaget
1991a, S.23)[COMMENT22]
Zur Bedeutung von Piagets Ansatz für das radikalen konstruktivistisches Verständnis von Erziehungswirklichkeit beschränke ich mich auf die drei Kernaussagen, die das gesamte Werk Piagets zur Erkenntnistheorie durchziehen.
1.Aussage
Erkennen als assimilativer Prozess bezeichnet, dass der Erkennende seine Assimilationsschemata an die Wirklichkeit heranträgt, sie ihr überstülpt oder die Dinge der Wahrnehmung einverleibt.
Daraus resultiert, dass man erst erkennen kann, wenn man über ein passendes Assimilationsschema verfügt, und nur das erkennen kann, wozu dieses Schema befähigt ist.
Am Beispiel des Saugreflexes in `Das Erwachen der Intelligenz beim Kind´ schreibt Piaget, "(...) daß die ersten sich im Saugverhalten vollziehenden Assimilationen (...) nicht ein undifferenziertes Geschehen sind, (...) sondern den Ausgangspunkt immer komplexerer Assimilationen bilden. (...) In diesem Sinne ist das dem Saugschema einverleibte Objekt tatsächlich an die Tätigkeit dieses Schemas assimiliert."(Piaget, 1991a, S.45)
2.Aussage
Dass unsere Begriffe und Vorstellungen mehr oder weniger auf verschiedene Dinge und Situationen anwendbare abstrakte Strukturen sind.
"Physiologische wie geistige Funktionen zeichnen sich durch einige abstrakte Eigenschaften (funktionale Invarianten) aus, die die Beziehung zwischen Organismus und Umwelt bestimmen. Diese funktionalen Invarianten sind Teil unseres kollektiven Erbes lebender Organismen. Die Tendenz, unser Denken in Strukturen zu organisieren und uns an unsere Umwelt anzupassen, ist uns angeboren. Man könnte sagen - Descartes möge es mir verzeihen - Ich bin, also denke ich." (Piaget in: Miller 1983, S.77)
3.Aussage
Diese Aussage besagt, dass wir immer nur das wahrnehmen und erkennen können, wofür wir über geeignete Wahrnehmungskategorien und Begriffe verfügen. Fehlen die abstrakten Bezüge oder Vorstellungen, sind wir nicht im Stande, sie in unserem Denken zu berücksichtigen.
Piaget verdeutlichte diese Aussagen an experimentellen Beispielen, indem er den Nachweis erbrachte, dass das Kind erst dann ein bestimmtes Verhalten nachahmen oder intentional reproduzieren kann, wenn es Vorstellungen von diesem Verhalten besitzt.
Es
kann aber nur in dem Maße Verhaltensaspekte nachahmen und übernehmen wie sie in
seine geläufigen Vorstellungen passen. (Vgl. Piaget 1991b)
Der gesamte Verlauf der kognitiven Entwicklung lässt sich im Gedanken Piagets als Prozess der Äquilibration verstehen. In diesem werden alle Prozesse, die zur Entwicklung kognitiver Strukturen beitragen, integriert. Diese Prozesse umfassen die körperliche Reifung und die Erfahrungen mit der physikalischen als auch sozialer Umwelt.
Wird bei der Betrachtung von Piagets Aussagen von klassisch-traditionellen Theorien des Wissens und Erkennens ausgegangen, (d.h. die, die auch Vicos und Berkeleys Aussagen nicht berücksichtigten), liefert Piaget keine neue Erkenntnis. Im Gegensatz zu diesem Interpretationsansatz untermauert er nur das, was sie schon immer `wußten´, - daß Wissen eine menschliche Angelegenheit und immateriell im Gegensatz zur existierenden Welt, die materiell ist.
Piagets Feststellung, dass kognitive Aktivitäten adaptiv sind, wird eo ipso als Bestätigung der traditionellen Annahme eines sich immer besseren Annäherns an die Wirklichkeit[13] gewertet.
Dabei wird aber völlig außer acht gelassen, dass Piagets Erkenntnistheorie die kognitive Aktivität des Individuums als biologische Funktion betrachtet. Für ihn ist der Anpassungsprozesses, der Weg, der es den Individuen - in biologistischen Termini, den Organismen - erlaubt, Möglichkeiten aufzufinden, den Störungen der jeweiligen Umwelt zu trotzen und zu überleben.
"Kognition ist nicht deshalb eine adaptive Funktion, weil sie eine mentale Repräsentation einer unabhängig bestehenden objektiven Welt erzeugen kann (oder muß), sondern weil sie strebt, viable Begriffstrukturen zu erzeugen, die es dem kognizierenden Subjekt ermöglichen, in seine Erfahrungswelt zu passen." (Glasersfeld 1992b, S.27), daher zu überleben.
Ernst von Glasersfeld bezieht sich auf Piagets allgemeines Modell der Äquilibration, in dem die Interaktion zwischen Beobachtbarem und Koordinationen im Sinne des Zusammenwirkens von empirischen und reflexiven Abstraktionsprozessen auf allen Ebenen der kognitiven Entwicklung wirksam wird.
"Wir
haben nämlich keine unmittelbare innere Erfahrung des Funktionierens unseres
Denkens. Nur indem wir das Universum organisieren, d.h. unser Denken mit einer
unbegrenzten Folge von Problemen, die ihm die äußeren Gegenstände stellen,
konfrontieren gelangt das Denken aufgrund der Analyse der erhaltenen Ergebnisse
- d.h. also rückbezüglich - dazu, die rationalen Gesetze, denen es gefolgt ist,
zu entdecken." (Piaget
1950, S.282 ff.)
Das Subjekt wird durch diesen Prozess in die Lage versetzt, im Rahmen seiner "artspezifische(n) Vererbung" (Piaget, 1959, S.13)[COMMENT23] sich und seine Umwelt interpretativ zu erschließen und in passenden Maße zu konstruieren.
Das Subjekt wird zum Beobachter seiner Selbst und seiner Umwelt.
Ernst v. Glasersfeld verbindet diese drei Ansätze zur Erkenntnistheorie des radikalen Konstruktivismus.
" Die Möbel unserer Welt ", wie Berkeley die wahrnehmbaren Dinge nannte, entsprechen offensichtlich dem, was Piaget mit dem Begriff des Beobachtbaren intendierte.
Die sinnlichen Wahrnehmungen bilden die Grundlagen für die Ausbildung von Assimilationschemata, die von dem kognitiven Organismus auf dem Fundament der biologischen Vorgaben, - in piagetscher Termini "artspezifische Vererbung" - geprägt sind.
"Die sensorischen Elemente oder Erfahrungsereignisse (...) sind stets und ausschließlich Elemente und Ereignisse innerhalb des Systems, das den Organismus konstituiert. Es handelt sich dabei nicht um eine Art von Interaktion, von der ein Beobachter sprechen könne, der sowohl den beobachteten Organismus als auch dessen Umwelt in seiner Erfahrungswelt sieht. Zweitens entdeckt der Prozeß der Assimilation keine rekurrenten sensorischen Muster, sondern zwingt diese auf, in dem Unterschiede verdrängt werden." (Glasersfeld 1992a, S.194)
Als Folgen eines heranwachsenden Erfahrungsschatzes und dem Verlauf der Akkomodation, der die neuen Erfahrungen[COMMENT25][14] zu den schon vorhandenen in Beziehung setzt, bilden sich neue Schemata heraus.
Das bedeutet, daß das vorhandene Schema nicht ausreicht, um die neuen Erfahrungen zu integrieren. Dies wiederum löst eine Störung im normalen Ablauf des Organismus aus, welcher dann zum Auslöser des Akkomodationsprozeß wird.
"Drittens kann Akkommodation nur dann stattfinden, wenn es eine Irregularität oder Störung des Funktionierens eines aufgebauten Schemas gibt, sonst nicht." (Glasersfeld 1992a, ebd.)
Wie schon im Abschnitt zu Piaget angeführt wurde, ist die Herausbildung von Vorstellungen und abstrakten Strukturen die Folge von Prozessen der Äquilibration (Assimilation und Akkomodation) und die Grundlage unserer operativen Wirklichkeitskonstruktion.
Unsere Vorstellungen sind die im Geiste vergegenständlichten Operanten unserer Wahrnehmung, auf der Basis der kognitiven Organisationsstruktur.
Der kognizierende Organismus - Mensch - schafft sich sein Wissen in Form von Abstraktionen, die ihren Ausdruck in Begriffen finden. Diese Abstraktionen bilden die Objekte, mit und in denen er denkt und kommuniziert.[15]
Das entspricht Vicos Begriff von Wissen, welches sich als Koordinationsleistung des Organismus interpretieren lässt.[16]
Wie aus dem Dargelegten hervorgeht, ist unsere Erkenntnis der Welt ein Wissen von Welt. Dieses Wissen ist von subjektiven, zirkulären, selbstregelnden Prozessen geleitet und stellt uns in eine Beobachterposition zur Welt.
Auf der Grundlage der aufgezeigten Bedingungszusammenhänge "besteht die Funktion der kognitiven Fähigkeit nicht darin, ein wahres Bild einer unabhängigen objektiven Welt zu erzeugen, sondern vielmehr darin, eine lebbare Organisation der Welt, so wie sie erfahren wird, aus der Position des teilnehmenden Beobachters aufzubauen." (Glasersfeld 1992a)
In diesem Sinne ist Wirklichkeit als subjekttunabhängige, objektive Wirklichkeit verstanden, aus der Sicht des radikalen Konstruktivismus, unhaltbar und entbehrt jeglicher Grundlage.
Nach der Darstellung der radikal-konstruktivistischen Position, bei der Betrachtung von Erkenntnis, lassen sich die Fragen nach dem "Was ist Erkenntnis?" und "Wie erwerben wir Wissen ?" in nachfolgenden Punkten zusammenfassen:
Ø Das, was wir mit dem Begriff des Wissens intendieren ist keine Repräsentation einer subjekt-unabhängigen ontischen Welt und auch nicht mit dem Adjektiv objektiv zu bezeichnen.
In diesem Punkt stimmt der radikale Konstruktivismus mit dem Standpunkt der Skeptiker überein und bedarf auch keiner Widerlegung im Sinne des Idealismus oder Kants einer objektiven ontischen Welt.
Die Konsequenz ist aber nicht eine Negation von der äußeren Realität, respektive Welt.
Ø Der radikale Konstruktivismus stimmt in der Betrachtung mit Vico überein, dass das rationale Wissen von Welt diese nicht in ihren gesamten Ausmaßen erfassen kann, weil der Mensch, ein Element einer für ihn (den Menschen) nicht fassbaren Dimensionalität (die Schöpfung, Gott) darstellt.
Ø Die radikal konstruktivistische Erkenntnistheorie geht konform mit der von Berkeley gegebenen Definition von Existenz. "(...) daß es keine rationale Evidenz für die Existenz einer unabhängigen Realität gibt." (Berkeley in: Glasersfeld 1992b, S.30)
Er schließt sich der daraus abzuleitenden Folgerung an, "daß es unvernünftig wäre, etwas die Existenz zu bescheinigen, was nicht oder nicht irgendwann wahrgenommen werden kann/ könnte..." (Glasersfeld 1992b, ebd.)
Ø Piaget ist für den radikalen Konstruktivismus bedeutend, da er die Theorie Vicos, dass das menschliche Wissen eine Konstruktion darstellt, auf biologisch-kognitive Aspekte weiter entwickelte, in dem er die konstruktiven konzeptuellen Operationen aufzeigte.
Ø Die Forderung nach dem Wahrheitsanspruch der Erkenntnis respektive Wissen gibt der Konstruktivismus auf. Er verlangt anstelle, dass das Wissen viabel in Bezug zur Lebenswelt des Wissenden stehen muss.
Ø Den Anspruch eines einzig richtigen Wissens hat der radikale Konstruktivismus überwunden.
Der Volksmund sagt: "Viele Wege führen nach Rom". Die Möglichkeit, verschiedene Wege einzuschlagen, um ein Problem zu bewältigen - auch wenn diese nicht unbedingt augenfällig sind - ist Ausdruck der Viabilität und erklärt alle gangbaren Wege für passende Wege.
Als Konsequenz aus den Ausführungen zur post-epistemologischen Theorie des Erkennens ist festzustellen:
Die Fähigkeit des Menschen kognitive Leistungen (Erkenntnisleistungen) zu erbringen, erstreckt sich bis zu der Erkenntnis, dass er erkennt, dass er erkennt.
Das impliziert, dass er sich selbst, als auch das Objekt seiner Wahrnehmung erkennt.
Wie schon dargelegt wurde, ist diese Erkenntnis, die der Mensch erfährt, eine sehr individuelle Form von Erkenntnis beziehungsweise Wissen, auf einer persönlichen Ebene und in Folge nicht objektiv, sondern passend in Bezug zu Erkenntnissen anderer Menschen sowie seiner Umwelt.
Die Aussagen beschreiben "Jedermannswirklichkeit" und implizieren durch das Gewahrwerden von Wirklichkeit Wirklichkeit als einen intentionalen kognitiven Prozess des Bewusstwerdens.
Die Schlussfolgerung, die sich ergibt, ist folgende: Bewusstsein ist immer intentional, da wir nur Bewusstsein von `Etwas´ erlangen können. Es ist ohne Gewichtung, im Sinne von Wertung, ob der Gegenstand, dessen wir uns bewusst werden, zu einer physischen Welt oder einer inneren, subjektiv erlebten Wirklichkeit gehört.
Wenn ich (die erste Person Singular steht für Jedermannsbewusstsein) aus meinem Fenster schaue und die Bäume betrachte oder mir meine innere Emotionalität (z.B. Depression, Freude) vergegenwärtige, daher bewusst werde, sind beide Abläufe von Intentionen des Gewahrwerdens geleitet.
In Folge des Gewahrwerdens stellen sich differente Objekte meiner Wahrnehmung als verschiedene (interne/externe) Wirklichkeitshorizonte dar.
Dies wiederum impliziert, dass ich den Mitmenschen in meiner Erlebniswelt während des Wachzustandes anders erlebe oder erfahre, als die Wesen meiner Träume.
Diese Feststellung, die auf Erfahrung beruht, versetzt mich in die Möglichkeit, folgende Aussage zu treffen:
Das menschliche Bewusstsein ist in der Lage mir zu vergegenwärtigen, dass ich die Welt als eine unbestimmbare Menge von Wirklichkeiten gewahr werden kann und mich in ihnen auf der Ebene meines Bewusstseins respektive Bewusstwerdens bewegen kann.
Schlussflogerungen über den WAHRHEITSGEHALT meiner Wirklichkeit - damit last but not least auch des Wertesystems - sind nicht im Sinne von RICHTIG oder FALSCH auf andere übertragbar. Wertungen sind nur im Rahmen von Akzeptanz und Toleranz auf der Basis von VIABILITÄT vertretbar und zu werten .
Abschließend ein Beispiel:
Wenn ich träumend in meinem Bett liege und über eine grüne Wiese renne, so entspricht diese Erfahrung einer Wirklichkeit, aus der ich bei dem Klingeln des Telefons oder Weckers, in eine ebenso erfahrbare Wirklichkeit versetzt werde, ohne, dass ich die Wirklichkeit meines Traumes anzweifeln würde - dass diese Wirklichkeit WAHR wäre.
Aristoteles ( ): Topik, Übers. v. Paul Gohlke, Schöningh Verlag, Paderborn 1952.
Bateson, George (1992): Ökologie des Geistes, Übers. aus d. Amerik. v. Hans G. Holl, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main 1981, 4.Auflg.1992.
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Vico, Giambattista ( ):(STR) De nosteri temporis studiorum ratione, ins Deutsche von
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Whitehead, Alfred N. ( ), zitiert nach: Howard Gardner: Dem Denken auf der Spur, Klett-Cotta Stuttgart 1992 Nach der Ausg. von 1989.
[1] Der postmodernen Diskurs der durch J.F. Lyotards Werk `Das postmoderne Wissen´ entzündet wurde und in dieser Arbeit nur am Rand berücksichtigt wird, ist für diesen Sachverhalt der Auseinandersetzung mit dem Wissensproblem ein Beispiel.
[2]
Man denke nur an die unzähligen Zaubertricks,
die uns im Varieté und im Zirkus unsere Wahrnehmungsschwächen als unterhaltsames
Vergnügen vor Augen führen. (Vgl. Goffman 1993, Rahmen Analyse, S. 147 ff.)
[3] "Betrachte doch noch besser das Abbild
des Guten!" (Platon, Der
Staat 509a-d)
[4]
In der Vorsokratik, ist die zenonische (Anti-)
Logik, die sich auf die Lehren des Parmenides stützt, ein Beispiel für die
Auseinandersetzung mit dem Problem dessen, was `Wahr´ ist. Die Lehren des
Parmenides, für den die Welt, als "(...) die Welt der Unwahrheit
charakterisiert (wird, Anmerk.d.Autor) durch ihren unaufhebbaren inneren
Widerspruch, der in der Koexistenz von Sein und Nichtsein besteht." (O.Gigon, S. 252)
[5] Alfred North Witeheads Aussage zum entsprechenden
Sachverhalt war "Die sicherste allgemeine Charakterisierung der
europäischen Philosophiegeschichte lautet, daß sie aus etlichen Fußnoten zu
Platon besteht." (Alfred North Whitehead, in: H.Gardner 1989, S.15).
[6] Vgl. diesbezüglich Glasersfeld 1986
[7]
Auf diese Feststellung verwies I.Kant in seiner
Kritik am Idealismus 1787.
[8] Gewissheit ist nicht gleichbedeutend mit Wahrheit,
sondern leitet sich aus der Begrifflichkeit des verlässlichen Wissens ab.
[9]
"Der Zweck dieser Vorlesung (über Topik,
Anmerk. d. Autors) ist: einen Weg zu finden, auf dem man zu Schlußfolgerungen
über jede vorgelegte Frage (...) wird gelangen können ..." (Aristoteles,
Topik, I. Buch 100a)
[10] Die Folgen eines solchen aufgeklärten
Wissenschaftsverständnisses finden wir in den Diskursen zu Methodologie
als Legitimationsprozeß wieder. (Vgl. Lyotard 1979
S.32-34)
[11] „Die artspezifische Vererbung der Gattung Mensch
impliziert bei allen Rassen ein ganz bestimmtes Intelligenzniveau, das jenes
der Affen usw. übersteigt. Andererseits ist die Funktionsweise der Vernunft
(ipse intellectus, der nicht selber aus der Erfahrung stammt) selbstverständlich
an die allgemeine Vererbung des lebendigen Organismus gebunden.“ (Jean Piaget 1991, S.13)
[12] Seine Vorgehensweise bestand darin, mit einer
funktionalen Analyse der durch den Versuchsleiter erbrachten Daten (klinische
Methode), die z.B. auf detaillierter Beobachtung beruhen, zu beginnen. Diese
funktionalen Beschreibungen, die die Kontextbedingungen mit erfasst, führen
ihn zu einer strukturellen Analyse, in der die beobachteten Muster in ein den
Daten entsprechendes logisches oder mathematisches, formales System übertragen
werden (Vgl. Beilin 1993, S.33).
[13] Die Wirklichkeit bezeichnet in diesem Verständnis von Wirklichkeit die objektive, subjektunabhängige Wirklichkeit.
[14] Neue Erfahrungen sind Erfahrungen, die Differenzen zu
den vorhandenen Assimilationsschema aufweisen und daher störend auf die
Prozesse der beobachtertunabhängigen Abläufe des Organismus Einfluss nehmen.
[15] Die Bedeutung von kommunikativen Interaktionen siehe
Kaiser, Dirk H.: Die Kunst der Kommunikation. In: Kaiser, Dirk; Kerkhoff
Winfried (Hrsg.): Kunst und Kommunikation. Vorträge zu einer Austellung
"Bilder und Masken von Menschen mit Behinderung". Pfaffenweiler
(Centaurus Verlag) 1998. S. 11-26..
[16] Vgl. Die Ausführungen zu Vico in dieser Arbeit.
"Das bedeutet, daß der Wahrnehmende durch seine Sinnesorgane, die eine vermittelnde Funktion ausüben, ein Perzept erwirbt, das in gewisser Weise durch ein außerhalb befindliches Objekt verursacht wird." (E.v.G.1987,S.123)
Bemerkungen zur epistemologischen Revolution in: Wissen, Sprache und Wirklichkeit, Ernst von Glasersfeld, Vieweg Verlag Braunschweig 1987 Nachdruck 1992
"Von den Vorsokratikern bis Kant gab es keinen Philosophen, der in seinen elementaren, nicht weiter reduzierbaren Grundsätzen nicht ein metaphysischer Realist gewesen wäre(...) Ein metaphysischer Realist ist also jeder, der darauf besteht, daß wir etwas nur dann »Wahrheit« nennen dürfen, wenn es mit einer als absolut unabhängig konzipierten, »objektiven« Wirklichkeit übereinstimmt."(E.v.G. 1992,S.18) in: Die erfundene Wirklichkeit, Hrsg. Paul Watzlawick Piper Verlag München 1985
"Das bedeutet, daß der Wahrnehmende durch seine Sinnesorgane, die eine vermittelnde Funktion ausüben, ein Perzept erwirbt, das in gewisser Weise durch ein außerhalb befindliches Objekt verursacht wird." (E.v.G.1987,S.123)
Bemerkungen zur epistemologischen Revolution in: Wissen, Sprache und Wirklichkeit, Ernst von Glasersfeld, Vieweg Verlag Braunschweig 1987 Nachdruck 1992
"Von den Vorsokratikern bis Kant gab es keinen Philosophen, der in seinen elementaren, nicht weiter reduzierbaren Grundsätzen nicht ein metaphysischer Realist gewesen wäre(...) Ein metaphysischer Realist ist also jeder, der darauf besteht, daß wir etwas nur dann »Wahrheit« nennen dürfen, wenn es mit einer als absolut unabhängig konzipierten, »objektiven« Wirklichkeit übereinstimmt."(E.v.G. 1992,S.18) in: Die erfundene Wirklichkeit, Hrsg. Paul Watzlawick Piper Verlag München 1985
"In meinen Bemühungen, Piagets Gedanken in einem kohärenten, widerspruchsfreien Modell dessen zu assimilieren, was ich unsere rationale Seite nennen würde, bin ich nach Meinung einiger namhafter Piagetianer über das hinausgegangen, was Piaget mit seinem Ausdruck von `Konstruktivismus´ intendiert habe. Das ist einer der Gründe, warum ich mich zu einem gewissen Zeitpunkt entschlossen habe, meine eigene Denkweise als `Radikalen Konstruktivismus´ zu bezeichnen." (E.v.G. in: Delfin 1992,S.20)
Vico
Vico,
Giovanni Battista (Giambattista) [italien. 'vi:ko], *)Neapel 23.6. 1668, †)ebd. 23.1. 1744, italien. Geschichts- und Rechtsphilosoph. Begründer der
neuzeitl. spekulativen Geschichtsphilosophie, beeinflußte u.)a. Goethe, Hegel und Spengler; Wegbereiter des Historismus; gilt als
Systematiker der Geisteswissenschaften.
Berkeley
Berkeley, George [engl. 'ba:kli], *)Kilkenny (Irland) 12.)3. 1685, †)Oxford 14.)1. 1753, ir. Theologe und Philosoph. Sein Werk (u.)a. ›Abhandlung über die Prinzipien menschl. Erkenntnis‹, 1710) ist einer
immaterialist. Theorie der Wahrnehmung (das Sein der sinnl. Dinge besteht in
ihrem Wahrgenommenwerden) gewidmet.